innen:stadt II

Während der Sommermonate können wir aus dem Vollen schöpfen, wir dürfen uns in einem Café, Eisdiele oder Gastwirtschaft wieder hinsetzen. Schrittweise wurden verschiedene Sitzgelegenheiten in den Einkaufscentren und auf den öffentlichen Plätzen wieder aufgestellt. Einige Monate waren die Sitzgelegenheiten wie vom Erdboden verschluckt. In manchen Fußgeher Zonen gibt es einen Grabenkampf was die Sitzgelegenheiten im öffentlichen Raum betreffen, zwischen den Betreiber von Wirtschaften und der Stadtverwaltung. Die Gruppe der kulinarischen Versorger beobachtet es mit Argusaugen, gibt es in der Stadt zu viele Sitzgelegenheiten. In der Pandemiezeit ist es zur Gewohnheit geworden, man holt sich etwas beim Gassenverkauf und benützt einen der angebotenen Pausenplätze. Ganz unbegründet ist die Sorge nicht, spielte in den Corona bedingten Lockdowns der Gassenverkauf eine wichtige Rolle. Der Verzehr erfolgte auf halb- oder öffentlichen Plätzen. Diese Angewohnheit hat das jüngere Publikum beibehalten, dies beobachte ich in der Innenstadt. Rund um das Sgraffito Kuss versammeln sich die ersten Familien mit Kindern. Die Sitzgelegenheiten werden dazu benützt, damit die Kinder unbeschwert die MC- Donald Kindertüte verzehren können. Auffallend für die Zeit nach der Pandemie ist, dass die ersten Tramper und Radfahrer durch die Innenstadt ziehen. Täuscht mich der Eindruck, dass jüngere und ältere Männer während der Pandemiemonate an Leibesumfang zugenommen haben? Jede Sitzgelegenheit am Drau Ufer ist recht und billig um die Imbisse und Sacks zu verzehren.

Ein neuer Trend sind die Gastwirtschaften, welche in ihrem Garten, Park oder im Obstgarten erlauben ein Picknick zu halten. Die Zutaten für das Picknick kann man bei ihnen erstehen.

innen:stadt

Trotz schwülem Wetter und heißen Temperaturen sind wir von Warmbad zu Fuß in die Villacher Innenstadt unterwegs. Der neue Slogan von Villach ist: Kärntens schönstes Wohnzimmer. Am Hauptplatz wurde mit dem Aufhängen von überdimensionierten Lampenschirmen darauf hingearbeitet, dass sich die Menschen beim Flanieren wie in einem Wohnzimmer fühlen. Zum Niedersitzen laden Sitzbänke mit integrierten Blumenkästen ein. In den Seitenstraßen wurden bunte Regenschirme aufgespannt und von der Decke abgehängt. Diese Art der Dekoration haben wir bereits Jahre vor der Pandemie in der Kleinstadt Umag in Istrien gesehen. Ich war voll begeistert. Nicht nur das Klima verschiebt sich weiter nordwärts, auch die sommerliche Dekoration. Fällt diese Dekoration unter Zugezogen? Die Zugezogenen werden von den Kärntnern oft nicht so schnell integriert. In den Tälern dauert es einige Generationen bis zur Akzeptanz. Übersiedelt jemand aus Klagenfurt nach Nötsch in das Gailtal, dann ist er auch nach dreißig Jahren der Zugezogene aus der Großstadt. Je enger die Täler geologisch werden, umso enger ist der Vorbehalt, wer ein Zugezogener ist. Bei den Einheimischen im Hochmontafon, wie die Partnerin erzählt, war sie auch nach dreißig Jahren Zimmervermietung die Zugezogene aus Bludenz.

In der Hauptplatzmitte hat sich spektakulär eine Straßenmalerin an die Arbeit gemacht und arbeitet an einem lebensgroßen Graffiti. Dem Kuss von Gustav Klimt nachempfunden. Obwohl vor den Sommermonaten die Regeln der Pandemie gelockert wurden, gibt es immer noch wenige Kontakte zu unbekannten Menschen. Für mich entsteht der Eindruck, dass sich der Umgang der Menschen untereinander verändert hat. Es ist von mir zu einer Manie geworden, dass ich in der Innenstadt auf das Aufmerksamste die vorbeiströmenden Menschen beobachte, um unter ihnen den einen oder anderen Bekannten zu entdecken. Dabei versäume ich keine Gelegenheit um unter einem beliebigen Vorwand auf die Bekannten zuzugehen und sie anzusprechen. Sei es mit einer so beliebigen Frage: „Ob sie auch das schöne Wetter in die Innenstadt gelockt hat“? Oder frage, wo sie gerne am Sonntagvormittag einkehren: „Treffen wir uns später beim Café Rainer“. Am Nebentisch wird darüber gesprochen, dass sich das Verhalten gegenüber anderen Menschen durch die Corona Pandemie verändert hat. Kein Händeschütteln und demonstrativen Abstand zu anderen Personen wahren. Keine freundliche Annäherung zu fremden Menschen. Vor der Pandemie wäre es unhöflich gewesen jemanden zur Begrüßung nicht die Hand zu reichen. Die Experten warnen vor dem Händeschütteln, achtzig Prozent der Viren werden durch die Hände übertragen. Zurzeit ist nichts mehr wie vorher.

buch:lebensmittel II

Der Verkäuferin im Laden erzähle ich, dass ich hier vor fünfundfünfzig Jahren zum Papier- und Buchhändler ausgebildet wurde. Diese Zeitspanne kommt der etwa dreißigjährigen Verkäuferin unwirklich , jenseits ihrer Zeit Vorstellung vor. Sie sieht in mir den letzten Papierhändler seiner Art, welcher an seinen Ursprungsort zurückgekehrt ist. Vom Lebensmittelmarkt mache ich von außen und von innen mehrere Fotos. Die Verkäuferin bitte ich von mir ein Foto vor einem Lebensmittelregal zu machen. Um das unvorhersehbare Erlebnis, die Verwandlung der Papier- und Buchhandlung in einen Lebensmittelmarkt zu verdauen, kehre ich in der Nachbarschaft beim Café Riedl ein. Schon zu meiner Lehrzeit gab es das Café, dazu gehörte ein Reisebüro und eine Fahrschule.

Auf der Café Terrasse suche ich mir einen bequemen Platz aus, wo die Verwandlung der Papier- und Buchhandlung in einen nationalen und internationalen Lebensmittelmarkt nachklingen kann. Bei einem Cappuccino komme ich mit einem Gast in das Gespräch, welcher mir erklärt, das Café sei sein Wohnzimmer. Er komme fast jeden Vormittag hierher auf ein Bier. Vielleicht könnte ich mit ihm meine Erinnerungen an die Papierhandlung Petz teilen? Ich frage ihn, ob er Spittaler sei: „Ja, er wohnt in der Koschatstraße, gleich um die Ecke.“ Ob er sich an die Papier- und Buchhandlung am Eck vom Bahnhofsplatz erinnern könne? „Nein, er wohnt seit fünf Jahren in Spittal/Drau und kommt aus Bad Gastein. Das Wohnen in Kärnten ist viel billiger als in Salzburg“. Zwischen seiner Behausung in Kärnten und meiner Lehrzeit trennen uns fünfzig Jahre. Viele Jugendliche würden sagen ein biblischer Zeitraum.

buch:lebensmittel

Wer das Auto benützt um eine Landschaft oder eine Stadt zu erkunden weiß nicht, wie viel er dabei versäumt. Vieles fliegt an ihm vorüber, was er zu Fuß oder mit dem Fahrrad gesehen und erlebt hätte. Meine größten Entdeckungen beim Unterwegssein mache ich zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Es ist ein leichtes mit dem Fahrrad an einer unbekannten Stelle stehenzubleiben und mich dann zu Fuß dem Objekt der Neugierde zu nähern. Dieser Möglichkeit verdanke ich im vergangenen Spätherbst ein Aha-Erlebnis bei einer Radtour von Spittal an der Drau nach Villach. Mit dem Zug fuhr ich nach Spittal/Drau. In Bahnhofsnähe befand sich meine Lehrstelle, die Papier- und Buchhandlung Harald Petz, im Hinterhof die Offset- und Buchdruckerei Stefan Petz. Die Papier- und Buchhandlung wurde vor Jahrzehnten geschlossen, das ehemaligen Geschäftslokal benützte die Buchdruckerei als Kundenbüro. Wie ich diesmal beim Petz Areal vorbeiradle prangt am Vordach, wo vormals Buch – Papier – Petz zu lesen war, eine neue Geschäftsreklame: Nationaler und internationaler Lebensmittelmarkt. Auf den Schaufensterscheiben, es sind dieselben wie vor sechzig Jahren, steht mit Klebebuchstaben Türkische und Balkan Spezialitäten. Die Marmorfassade ist erhalten geblieben, statt der Eingangstür mit Handgriff gibt es jetzt eine automatische Türe. Ich bleibe vor dem geöffneten Eingang stehen und bin sprachlos. Im Geschäftsraum, welcher um das ehemalige Magazin vergrößert wurde, stehen Regale mit türkischen Süßwaren, Lebensmittel aus dem Orient, Südfrüchte vom Balkan, Getränke und Gebrauchsartikel für den Alltag.

Ich trete in das Geschäft ein und sehe vor meinem geistigen Auge zu rechter Hand die Regale mit den Papier- und Schreibwaren und zu linker Hand die Regale mit den Büchern. Davor eine Verkaufsbudel, hinter der Budel mich als Lehrling zusammen mit der ersten Verkäuferin Traudel. Im Hintergrund auf der linken Seite den Chef bei seinem Schreibtisch, der vollgeräumt mit Buchprospekten und vielen Preislisten ist, sitzen. Auf der anderen Seite das Lager für verschiedene Papier- und Bürowaren. Besonders im Gedächtnis ist mir die Wand im Magazin, mit den unzähligen kleinen Schubladen. Darin befanden sich die verschiedensten Utensilien für den Verkauf: Büroklammern, Reisnägel, Füllfedern, Filzstifte, Anfeuchter, Heftmaschinen, Locher und vieles mehr. Mir einzuprägen wo sich was befand dauerte mehrere Monate. Beschleunigt wurde dies dadurch, da ich in den vielen Schubladen aus Karton fleißig für Ordnung sorgte.

autofrei:coronafrei II

Den Laden für Südfrüchte betrete ich mit dem Vorsatz, mir auf schnelle Art Energie zuführen. Als pensionierter Kaufmann schweift mein Blick durch den Miniladen, er ist etwa so groß wie mein Papierladen zu Beginn meiner Selbstständigkeit in Arnoldstein. Etwa dreißig m2 und für den kleinen Einkauf der Sommergäste konzipiert. Ende September neigt sich die Saison am Wörthersee, außer in den Tophotels, dem Ende zu. Hinter einer Plexiglasscheibe, Corona verlangt es, sitzt auf einem Bürostuhl eine ältere weißhaarige, zierliche Frau. Nach dem Äußeren tippe ich um die achtzig Jahre. Sie sortiert die Cent von der letzten Kundschaft in die Kassalade ein. Der Kühlvitrine entnehme ich ein Coca-Cola und dem obligaten Süßwarenregal in Kassanähe ein Kägi Fret mit 50 Gramm.  Beides schiebe ich durch die Lucke im Plexiglas und nach dem Bezahlen erhalte ich einen Kassa Bon. Bedauern klingt in meiner Stimme, als ich die Frau darauf anspreche, dass sie bestimmt schon lange im Geschäft steht? Die Dame richtet sich auf und strahlt, als ich sie auf ihre Berufszeit angesprochen habe und beginnt zu erzählen: „Seit einundsechzig Jahren steht sie im Laden, jetzt ist sie sechsundachtzig Jahre alt. Im Kopf fühle sie sich wie siebzig, der Körper fühle sich an manchen Tagen wie neunzig Jahre an. An stark frequentierten Tagen, wie heute am Radsonntag, würde sie noch immer im Geschäft aushelfen. Der Sohn und seine Familie haben alle Hände voll im Restaurant zu tun. Seit den sechziger Jahren hat sie zusammen mit dem Mann das Geschäft, das Gasthaus war in den frühen Jahren eine Imbissbude, aufgebaut. Daneben die Kinder großgezogen, für die Familie gesorgt und die ersten vierzig Jahre war sie nie auf Urlaub“.

Für ihr arbeitsreiches Leben spreche ich meine Bewunderung aus. Wehmütig meint sie: „Es gab gute Zeiten, die Fremden machten früher zwei Wochen, manche drei Wochen Urlaub am Wörthersee. Heute bleiben sie zwei bis drei Tage. Ob ich sie vor einer Woche in der Fernsehsendung ORF Kärnten gesehen habe? Sie war Gast bei der Ombudsfrau.“ Die Frage musste ich verneinen. „Ihre private Kranken Versicherung, für welche sie ein Leben lang brav die Beiträge gezahlt hat, hat ihr ein Krankengeld verweigert. Drei Tage nach der Sendung mit der Ombudsfrau wurde ihr das Krankengeld überwiesen.“